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Antibiotika-Hub mit internationaler Ausstrahlung

In Basel ist in den letzten Jahren ein aussergewöhnlicher Nährboden für die

Antibiotikaforschung und -entwicklung entstanden. Dazu trägt auch das

Nationale Schwerpunktprogramm «NCCR AntiResist» bei.

Samuel Schlaefli



A nfang Februar kündete der «AMR Action Fund» an, dass er sein Europabüro im Messeturm in Basel einrichten wird. Der in Boston gegründete Fonds will in den nächsten Jahren eine Milliarde US-Dollar in die Entwicklung neuer Antibiotika investieren. «Wir haben uns hier

sehr willkommen gefühlt», sagt Martin Heidecker, Chefinvestor des Funds. Zum Entscheid für Basel habe beigetragen, dass mit Roche und Novartis zwei der wichtigen Unterstützer des Fonds ihren Hauptsitz in der Stadt hätten sowie der Zugang zu Talenten einfach sei. Die Standortwahl zeigt, dass Basel mittlerweile auch international als wichtiges Zentrum im Bereich der Antibiotikaforschung und -entwicklung anerkannt wird.


Nationales Schwerpunktprogramm gegen multiresistente Bakterien

«Für die Antibiotikaforschung bietet der Grossraum Basel ein einzigartiges Umfeld – vergleichbare Bedingungen finden sich weltweit wohl nur noch in der Region Boston», sagt

Christoph Dehio, Professor für molekulare Mikrobiologie am Biozentrum der Universität Basel. Das liege nicht nur am Standort der beiden Pharmariesen, sondern auch an demjenigen einer Reihe von kleineren Basler Biotech-Unternehmen, die sich international einen Namen in der Antibiotikaentwicklung gemacht haben. Darunter «Bioversys», das sich vor zwölf Jahren komplett auf Antibiotika spezialisiert hat und «Polyphor», das kürzlich mit dem US-Unternehmen «EnBiotix Inc.» zu «Spexis» fusionierte. «Basilea» und «Selmod» sind weitere Unternehmen mit einem starken Fokus auf Antibiotika.


Auch die Grundlagenforschung zu Strategien gegen multiresistente Keime wurde stark ausgebaut. 2020 nahm das Nationale Schwerpunktprogramm «NCCR AntiResist» seinen Betrieb auf, dessen Lead an der Universität Basel liegt und durch den Schweizerischen Nationalfonds finanziert wird. Über 100 Forschende in 29 Arbeitsgruppen sind in das

Programm eingebunden, darunter Forschende des Universitätsspitals Basel, der ETH Zürich, der EPFL, der Universität und des Universitätsspitals Zürich, der Universität Lausanne sowie der Ben-Gurion Universität in Israel. Das Herz des «NCCR AntiResist» liegt auf dem neuen Life Science-Campus Schellenmätteli inmitten der Stadt, wo das Biozentrum und bald auch das Departement Biomedizin der Universität Basel sowie das «Department of Biosystems Science and Engineering» der ETH Zürich in unmittelbarer Nähe des Universitätsspitals angesiedelt sind. «Diese Nähe ist entscheidend für eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit über institutionelle Grenzen hinweg», sagt Dehio, der auch als Direktor des Programms amtiert. Während 12 Jahren werden die Forschenden neue Wirkmechanismen zur Bekämpfung von vier problematischen Keimen entwickeln. Drei stehen zuoberst auf der WHO-Liste multiresistenter Erreger, die global das grösste Risiko für die Weltgesundheit darstellen. Der vierte Erreger, das zoonotische Bakterium Brucella melitensis, betrifft vor allem Menschen in Staaten mit tiefen Einkommen. «Wir haben seit mehr als drei Jahrzehnten keine echten Durchbrüche mehr in der Antibiotikaentwicklung erzielt», sagt Dehio.


«Ein wichtiger Grund dafür liegt in den künstlichen Bedingungen, unter welchen neue Wirkstoffe traditionell getestet werden». Das Programm verfolgt deshalb einen patientenbasierten Forschungsansatz, der die Entwicklung neuartiger Strategien gegen Infektionen ermöglichen soll. Neben konventionellen Wirkstoffen, wie den kleinen Molekülen, liegt der Fokus auch auf nicht-konventionellen Therapieansätzen, wie Anti-Virulenz-Strategien oder Therapien mit Phagen (gesundheitsfördernden Viren).


Fonds für Überbrückung des «Tal des Todes»

Christoph Dehio gehört auch zu den Initiatoren von «Incate», dem Inkubator für antibakterielle Therapien in Europa, der ebenfalls an der Universität Basel angesiedelt ist. «In Europa gibt es kaum Förderinstrumente für die frühen Phasen in der Antibiotikaentwicklung», erklärt der Professor. «Zwischen akademischer Grundlagenforschung und der frühen Entwicklung im privaten Sektor klafft ein Tal des Todes.» Er begrüsst es, dass die Antibiotikaentwicklung derzeit medial und politisch wieder stärker in den Fokus rückt und neue ökonomische Anreize für die Antibiotikaentwick-lung in greifbare Nähe rücken. «Doch wenn wir jetzt nicht entschlossen in innovative Forschung investieren, um die Antibiotika-Entwicklungspipeline wieder zu füllen, werden wir es kaum schaffen, in den nächsten Jahren die dringend benötigten neuen Wirkstoffe zur Marktreife zu entwickeln».


Die Gelder des Inkubators stammen von den Industriepartnern Roche, Boehringer Ingelheim, Shionogi und MSD. Startups aus Europa können sich für eine Unterstützung der ersten Stufe (10 000 Franken) und der zweiten Stufe (250 000 Franken) bewerben. In der Folge werden die Unternehmen durch Experten und Expertinnen aus dem Incate-Netzwerk, das von der R. Geigy-Stiftung initiiert wurde, betreut. «Wichtig ist vor allem der Aufbau eines Ökosystems

von innovativen Antibiotika-Start-ups, die sich untereinander austauschen.» Dehio ist zufrieden mit den vielen Anträgen, die bislang an den Fonds gestellt wurden. Aktuell

werden 12 Start-ups unterstützt.


Martin Heidecker vom «AMR Action Fund» wird bald selbst von Boston nach Basel ziehen, um im Messeturm ein Team mit sechs Mitarbeitenden aufzubauen. Bis Ende Jahr sei das erste Investment in Europa geplant, erzählt er. Näheres will er noch nicht verraten; nur so viel: «Es spricht derzeit viel dafür, dass die Wahl auf ein Unternehmen in der Schweiz fallen wird.»


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