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Alex Matter: Der kreative Querkopf


Das Blockbuster-Medikament Glivec heilt Menschen mit chronischer myeloischer Leukämie (CML). Die Entwicklung von Glivec ist nicht zuletzt der Hartnäckigkeit von Alex Matter, dem ehemaligen Forschungschef der Novartis, zu verdanken. Sein Rat an die jüngere Forschergeneration:


«Hört nicht auf die Autoritäten – geht eure eigenen Wege.»





Eigentlich passt er nicht in diese Umgebung, auf diesen königlichen Sessel im 5-Sterne-Hotel «Trois Rois» in Basel, der Krebsforscher Alex Matter. Der ehemalige Forschungschef für Onkologie des Pharmaunternehmens Novartis wehrt ab, wenn man ihm seine Erfolge vor

Augen führt, von denen die Entwicklung von Glivec, einem Blockbuster-Medikament gegen Leukämie, heraussticht. «Erfolgreiche Forschung kann nur im Team gelingen», sagt er. Dabei war der junge Matter dem wissenschaftlichen Heldentum durchaus zugeneigt. In der Bücherei seines Gymnasiums in Basel fiel dem vierzehnjährigen Matter das Buch «Der Mikrobenjäger Robert Koch» von Paul de Kruif in die Hände. Er legte es erst wieder beiseite, als er auf der letzten Seite anlangte. Auch Louis Pasteur mit der Erfindung von Impfstoffen gegen Anthrax, Cholera und Tollwut, Ignaz Semmelweis, der «Erfinder der Spitalhygiene», oder der bedeu-

tende Chirurg Ferdinand Sauerbruch hatten es dem jungen Matter angetan. Damals wusste er: Er wollte Medizin studieren. Und ein bisschen die Welt retten.



Ein Leben für die Forschung


Alex Matter studierte Medizin in Basel und in Genf. Er beschloss, sein Leben der Forschung zu verschreiben. Er war fasziniert von der in den 1960er-Jahren aufkommenden

Elektronenmikroskopie, die einen neuen Blick auf die Entstehung von Krankheiten versprach. Alex Matters Karriere verlief sprunghaft. Er mäanderte durch die Institutionen, bildete sich an der Harvard Medical School in den USA und in England am berühmten MRC Institut in Mill Hill weiter. Und endete schliesslich beim Pharmakonzern Roche in Basel. Hier widmete er sich intensiv der Krebsforschung. «Tag und Nacht wälzte ich in meinem Kopf wissenschaftliche Probleme», erinnert sich der heute 79-Jährige. Er war besessen von dem Gedanken, eine neuartige Therapie gegen Krebs zu entwickeln. Die Zeichen dafür standen gut:

Insbesondere Experimente mit sogenannten Interferonen, körpereigenen Gewebehormonen, zeitigten vielversprechende Resultate. Interferone sind Stoffe, die bei einer Viruserkrankung von den angegriffenen Zellen abgesondert werden und den Immunzellen den Virenangriff signalisieren. 1979 gelang es Charles Weissmann und seiner Gruppe von der Universität Zürich, das Hormon genetisch herzustellen und in genügend grossen Mengen verfügbar zu machen. Doch von ein paar wenigen Leukämie-Formen abgesehen erwiesen sich die Interferone gegen Krebserkrankungen als wirkungslos. Als die Roche Alex Matter aufforderte, sich eher um die Entwicklung eines Antibiotikums zu kümmern, nahm er düpiert den Hut. «Heute arbeite ich an Antibiotika, aber damals dachte ich, das sei unter meiner Würde», sagt er.



Glivec – Eine Erfolgsgeschichte ...


Auch später sollte sich Alex Matter immer wieder mit seinen Vorgesetzten in die Haare geraten: «Ich war manchmal ein schwieriger Kollege, ein noch schwieriger Boss und ein unmöglicher Untergebener», gibt er zu. Doch seine Hartnäckigkeit gab ihm recht. Anfang der 1980er-Jahre wechselte er zur damaligen Ciba-Geigy. Es begann eine fruchtbare Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Onkologen Brian Druker, dem Biochemiker Nicholas Lydon, dem

Medizinalchemiker Jürg Zimmermann und mehreren anderen Wissenschaftlern. Gemeinsam forschten sie an sogenannten «small molecules» gegen Leukämie und andere Krebsarten. Diese Moleküle haben die Eigenschaft, dass sie nicht einfach die DNA-Synthese oder die Zellteilung blockieren, wie herkömmliche Chemotherapien. Vielmehr schalten sie tumorspezifische Eiweisse, wie zum Beispiel Enzyme, gezielt aus, ohne dass dabei anderes Gewebe tangiert wird. Das vom Team in den 1990ern synthetisierte Molekül Glivec (Imatinib) gegen chronisch myeloische Leukämie (CML) hatte genau diese Eigenschaft. Patienten mit

CML produzieren ein krankheitsspezifisches Gen, das BCR-ABL-Onkogen. Dieses produziert eine sogenannte Tyrosinkinase und letztlich eine Vermehrung der betroffenen Zellen. Der Wirkmechanismus von Glivec setzt an diesem Punkt an. Es hemmt gezielt die BCR-ABL-abhängige Tyrosinkinase, ohne die über 100 anderen Tyrosinkinasen (mit wenigen Ausnahmen) im Körper zu beeinträchtigen.



... mit Hindernissen


Doch ein klinischer Beweis kostete Matter und sein Team einiges an Überzeugungsarbeit. Viele seiner Kolleg*innen im Wissenschaftsbetrieb schüttelten den Kopf. Sie konnten nicht glauben, dass ein Kinase-Hemmer wie Glivec nicht auch andere Kinasen im Körper beeinträchtigte und deshalb für den Patienten tödlich wäre. Ein Toxikologe beteuerte gar, dass der Wirkstoff nur über seine Leiche am Menschen getestet werde, erinnert sich Matter. Der Wirbel um Glivec drohte 1996 in der Fusion der Ciba-Geigy mit der Sandoz die Weiterentwicklung zu verhindern. Doch dann probte Alex Matter den Aufstand. Mit dem letzten noch zur Verfügung stehenden Kilogramm organisierten die Forscher einen klinischen Phase I/II-Versuch. «Als man sah, dass die ersten Patienten rasch auf den neuen Wirkstoff ansprachen, hat sich das Blatt gewendet», sagt Matter. 2001 kam Glivec auf den Markt dank eines ausserordentlichen internationalen Efforts. Die ersten Langzeitstudien zeigten: Nach fünf Jahren Glivec-Behandlung hatten bis zu 90 % der Patienten keine Krebszellen mehr im Blut. Im Gegensatz zu den 50 %, die ohne Therapie im gleichen Zeitraum verstarben. Im Vergleich zu anderen Krebstherapien ist Glivec zudem arm an Nebenwirkungen: Übelkeit und Kopfschmerzen und wenige andere Symptome scheinen ein geringer Preis für die Lebensrettung.


2003 wechselte Matter ans Novartis Institute for Tropical Diseases (NITD) in Singapur. Er verschrieb sich dem Kampf gegen Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Dengue-Fieber und Malaria. 2009 zog er weiter an das «Experimental Therapeutics Centre» von A*STAR, eine von der Regierung unterstützte R&D-Organisation, wo er mit seinem Team zwei neue Wirkstoffe erfand und klinische Versuche einleitete. Heute ist Matter als Konsulent und CEO eines Start-ups immer noch aktiv. Wenn er der jüngeren Generation von Wissenschaftler*innen überhaupt einen Rat geben sollte, dann wäre es vielleicht dieser: «Hört nicht auf die Autoritäten – geht Eure eigenen Wege.»






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