Kann die Schweiz Corona meistern?

Von Jürg Utzinger



Die Schweiz hat in der Coronakrise sehr vieles richtig gemacht, aber nicht alles. Als vor gut einem Jahr die erste Person einer Infektion mit Sars-CoV-2 erlag, war das Virus noch weitgehend unbekannt. Die Dynamik der Ausbreitung und die gesundheitlichen Folgen mussten erst verstanden werden, um Massnahmen zum Schutz der Einzelnen und der Eindämmung der Krankheit in der Bevölkerung abzuleiten. Nach ein paar Wochen war klar, dass Gesichtsmasken eine wichtige Massnahme im Kampf gegen die Ausbreitung des Virus sind. Weshalb wurde in der Schweiz lange hin und her entschieden und eine Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr erst spät eingeführt? Dann sollte die digitale Rückverfolgung der Infektionsketten unterstützt werden, doch nützt die beste Tracing-App nichts, wenn sie die Menschen nicht auf ihren Smartphones installieren und korrekt anwenden. Und: Empfehlungen können ihre Wirkung nicht entfalten, wenn sie für die Bevölkerung nicht nachvollziehbar sind. Der Zeitpunkt und die Art, wie die Behörden und Experten kommunizieren, sind genauso wichtig, wie die Massnahmen selbst. Teilweise war es aber für die Bevölkerung schwierig, den Durchblick zu behalten.


Beleuchtet werden muss auch die hierzulande vielbeschworene Eigenverantwortung. Auf Empfehlungen zu setzen ist schwierig, wenn im Nachbarkanton andere Regeln gelten. Es kann die Botschaft, wie bedeutend eine Massnahme ist, durchaus untergraben, wenn sie ein paar Kilometer weiter gar nicht oder anders zum Einsatz kommt. Nationale und länderübergreifende Massnahmen wären im vergangenen Jahr wünschenswert und nötig gewesen. Der schweizerische Föderalismus musste oft als Sündenbock für wirkungslose Massnahmen herhalten, doch er böte eigentlich auch einen Vorteil: Solange nicht geklärt ist, welche Massnahmen in welcher Kombination die grösste Wirkung haben, ist jeder der 26 Kantone ein potenzielles Vorbild, aus dessen Fehlern und Erfolgen andere lernen könnten. Dazu braucht es aber einen raschen und effizienten Datenaustausch.


Die Entscheide sind geprägt durch ein stetes Abwägen zwischen der Eindämmung des Virus und den unerwünschten Nebenwirkungen der Massnahmen selbst. Ein Tunnelblick auf Fallzahlen, Auslastung der Intensivbetten, Todesfälle und Reproduktionswerte reichen nicht aus. Die Schulschliessungen im ersten Lockdown haben lernschwächere Kinder abgehängt, und diese Ungleichheiten wieder wettzumachen, ist schwer. Schliessungen in Gastronomie, Kultur und Detailhandel bedrohen die Existenz vieler Menschen. Psychische Erkrankungen haben deutlich zugenommen. Die Pandemie zeigt, wie wichtig eine ganzheitliche Betrachtungsweise der Gesundheit und des Wohlbefindens des Menschen ist, um nicht nur schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle, sondern auch unerwünschte Kollateralschäden der Massnahmen zu vermeiden.


Neben der Eigenverantwortung sollten wir uns auch auf eine Gemeinschaftsverantwortung besinnen. Zwar ist durch Forschung, Innovation und Kooperationen etwas noch nie Dagewesenes gelungen: Innerhalb weniger Monate wurden mehrere Impfstoffe entwickelt und nach rigoroser Prüfung von den Behörden zugelassen. Doch haben sich reiche Industrieländer grosse Impfvorräte gesichert, während afrikanische Staaten leer auszugehen drohen. Zwar ist es erfreulich, dass die Schweiz mit der Impfung für Risikogruppen und das Gesundheitspersonal zügig voranzuschreiten versucht. Impfkontingente sollten aber auch für die ärmsten Länder bereitgestellt werden. In einer Pandemie müssen limitierte Ressourcen wie Impfstoffe fair verteilt werden - denn nur so lässt sie sich rascher und effektiver bewältigen.


Text erschienen im UNI NOVA, Nr. 137/Mai 2021

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