Vernetzt gegen Krankheiten kämpfen

Vereinfachende und reduktionistische Ansätze versagen oft bei Gesundheitsproblemen mit komplexen Ursachen. Um gegen Krankheitserreger vorzugehen, die sowohl Tiere wie auch Menschen befallen, müssen Human- und Veterinärmedizin zusammenspannen.


Ori Schipper



Zuerst kommt das Fieber. Dann folgen Durchfall und Erbrechen. «Das ist keine Besonderheit, in Westafrika gibt es dafür eine grosse Anzahl möglicher Ursachen», sagt Jakob Zinsstag vom Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut. Meistens ist ein Erreger im Spiel, doch für

die Diagnose hilft dieses Wissen nicht viel weiter, denn weltweit gibt es ungefähr 1300 verschiedene Infektionskrankheiten.


Etwa 800, also deutlich mehr als die Hälfte, dieser Erkrankungen werden von Erregern verursacht, die nicht nur Menschen, sondern auch Tiere befallen. Wer diese sogenannten

Zoonosen bekämpfen möchte, muss sich von einem ganzheitlichen Ansatz leiten lassen. So wie die Erreger die Artengrenzen überspringen, sollen auch die Wege zur Verhütung und Vermeidung von Krankheiten berufs- und disziplinenübergreifend sein. Davon ist Zinsstag überzeugt.



Vergessene Tropenkrankheit


Als er in den 1990er-Jahren das Centre Suisse de Recherches Scientifiques in Abidjan an der Elfenbeinküste leitete, war Zinsstag an der Entdeckung eines neuen Stamms des Ebola-Virus beteiligt. Heute fürchtet sich die ganze Welt vor dieser Krankheit. Doch damals, zwanzig Jahre vor dem Ausbruch der Epidemie, die seit 2013 mehr als 13 000 Menschen das Leben gekostet hat, war das Ebolafieber nur eine von unzähligen vergessenen Tropenkrankheiten.


Von welchem Tier die Erkrankung ausgeht, ist nicht vollkommen geklärt, der Hauptverdacht fällt auf Fledermäuse. Auch andere infizierte Wildtiere wie Waldantilopen oder Affen können das Virus übertragen, wenn die Menschen beim Zubereiten des Fleisches mit Körperflüssigkeiten der Tiere in Kontakt kommen. Das Ebolafieber heisst wie der Fluss in der Demokratischen Republik Kongo, wo der Erreger 1976 erstmals identifiziert worden ist. Im selben Jahr brachte im Süden Sudans auch ein zweiter Ebola-Virenstamm einige Hundert Menschen um. Obwohl zwischen 50 bis 90 % der vom Virus befallenen Personen dem Fieber mit den Blutungen erlagen, konnten die beiden Ausbrüche relativ rasch unter Kontrolle gebracht werden.



Eingrenzung in abgelegenen Gebieten


Zinsstag führt das auf drei Faktoren zurück. Die Ausbrüche ereigneten sich erstens in abgelegenen Gebieten mit geringer Bevölkerungsdichte und zweitens zu einer Zeit, als die Menschen noch viel weniger unterwegs waren. Drittens und vielleicht am wichtigsten: Weil die Strukturen der Gesundheitsversorgung funktionierten, konnten die Epidemien mit einfachen Hygiene- und Quarantänemassnahmen eingegrenzt werden.


Dann verschwand das Ebolafieber während über einem Jahrzehnt komplett aus dem Blickfeld. «Zwischen 1977 und 1994 gab es keinen einzigen bestätigten menschlichen Fall», schreiben Jakob Zinsstag und Marcel Tanner in einem gemeinsamen Aufsatz über die Geschichte der Erkrankung. An Ebola dachte deshalb niemand, als im November 1994 in einer Gruppe, die am Centre Suisse de Recherches Scientifiques schon seit geraumer Zeit beobachtet wurde, acht

Schimpansen starben.



Missachtetes Verbot


Aus Angst vor dem Marburg-Virus, einem anderen zoonotischen Erreger, der von Affen auf Menschen übergehen kann, hatte Zinsstag seinen Mitarbeitenden verboten, die toten Tiere zu berühren. «Trotzdem wurden einem toten Schimpansen Proben entnommen», sagt Zinsstag. Eine Forscherin erkrankte. Sie wurde zuerst in Abidjan hospitalisiert – und «nach drei Tagen mit der Schweizerischen Rettungsflugwacht nach Basel evakuiert», schreiben Zinsstag und Tanner.


Die Resultate der genetischen Untersuchungen der Affenproben trafen an dem Tag ein, an dem die Forscherin das Spital verlassen konnte. «Es handelte sich um die erste Beschreibung des Taï-Forest-Ebola-Virus», eines (im Vergleich zu den bisher bekannten zentralafrikanischen Virusstämmen) glücklicherweise weniger krankmachenden Stamms. «Wäre die Patientin hochansteckend gewesen, … hätte dies sehr wahrscheinlich Folgefälle in der Schweiz verursacht», geben Zinsstag und Tanner zu bedenken.



Bürgerkriege legen Gesundheitsversorgung lahm


Der jüngste Ausbruch des Ebolafiebers in Guinea, Liberia und Sierra Leone ist leider viel weniger glimpflich verlaufen. Das «unerwartet grosse Ausmass» des Ausbruchs von 2013 bis 2015 erklärt sich Zinsstag zum einen mit der erhöhten Mobilität der Menschen. Ohne es zu wissen, trugen Erkrankte das Ebola-Virus auch in städtische Gebiete, wo sich das tödliche Fieber exponenziell ausbreiten konnte. Die Weltgesundheitsorganisation reagierte spät und rief die Ebola-Epidemie erst als internationalen Notstand aus, als das Fieber schon Tausende Personen befallen hatte.


Zum anderen waren die Spitäler und Gesundheitszentren infolge der Bürgerkriege in der Region schlecht ausgerüstet. Ohne Schutzkleidung und Medikamente konnte das Personal die Epidemie unmöglich eindämmen. Auch kulturelle Aspekte spielten eine grosse Rolle, erklärt Zinsstag. In vielen westafrikanischen Ländern werden «funérailles» gefeiert: Grosse Feste, an denen Tote verabschiedet – und dabei oft auch berührt – werden. Vor diesem Hintergrund er-

staunt es nicht, dass die gewaltsame Quarantäne in Stadtteilen von Monrovia zu öffentlichem Aufruhr geführt hat. «Es ist offensichtlich, dass in weisse Kleider vermummte Männer, die Desinfektionsmittel versprühen, erklärungsbedürftig sind», schreiben Tanner und Zinsstag.



Eindimensionale technische Lösungen


Unterdessen sind – in Rekordzeit – Impfstoffkandidaten entwickelt worden. Doch technische Lösungen sind eindimensional, und auch wenn die Wirksamkeit des Impfstoffs im Labor zweifelsfrei nachgewiesen ist, kann die Bekämpfung der Erkrankung an anderen Aspekten scheitern. Zinsstag führt als Beispiel die Tollwut auf, mit der er sich im Rahmen eines Projekts im Tschad befasst hat.


Mit seinem Team hatte Zinsstag begonnen, einzelne Hunde gegen den Tollwuterreger, das Rabiesvirus, zu impfen. Als sie die Impfung ausweiten wollten, weigerte sich der Gesundheitsminister. Er müsse sich nicht um Vierbeiner, sondern um Menschen kümmern. Erst als die Forschenden mit einer Kostenanalyse aufzeigten, dass eine Massenimpfung der Hunde anfangs zwar teurer, mit der Zeit aber billiger kommt als befallene Menschen zu impfen, weil sich nur mit der Hundeimpfung eine Unterbrechung der Übertragungsketten erreichen lässt, willigte der Minister ein. Mit einer zweimaligen Impfung von 20 000 Hunden konnte das tschadisch-schweizerische Team schliesslich die Tollwut in der Hauptstadt N’Djaména eliminieren.



«One Health»


Solche umfassenden Ansätze gehören zu einer an Schwung gewinnenden Initiative, die sich «One Health» nennt und die Zusammenarbeit von Veterinär- und Humanmedizin vertiefen will. In Zukunft wird «One Health» an Bedeutung gewinnen, denkt Zinsstag. Die sich vermehrende Weltbevölkerung, die immer stärkere Ballung in städtischen Zentren, die Überbeanspruchung von Ökosystemleistungen (vor allem in Küstengebieten) und der globalisierte Handel und Verkehr verursachen komplexe Probleme, die nur mit vernetztem Denken und dem Zusammenspannen von Fachleuten zu lösen sind.



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