Das süsse Gift - Zuckerkonsum und Gesundheit in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen

Marcel Tanner

Zucker ist so unsichtbar wie allgegenwärtig. Er steckt in Säuglings- und Kleinkindernahrung. Verbirgt sich in industriell verarbeiteten Produkten wie der Fertigpizza, im Knusper-Müsli und dem Salatdressing. Der globale Zuckerkonsum hat in den letzten Jahren dramatisch zugenommen. Und wird auch in Zukunft steigen.


Die OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development) schätzt, dass der globale Pro-Kopf-Konsum von Zucker von durchschnittlich 24,3 Kilogramm pro Kopf auf 26.7 Kilogramm bis ins Jahr 2024 steigen wird. Wer meint, der Konsumweltmeister USA steht in punkto Zuckerkonsum allein auf weiter Flur, irrt. Gerade Länder mit niedrigen und mittleren Einkommen wie Argentinien, Chile, Saudi-Arabien oder Mexiko verbuchen den grössten Zuckerverbrauch durch überzuckerte «Erfrischungsgetränke».

Gesundheitsschädigende Soft-Drinks

Ein Grossteil der weltweiten Zucker-Überdosis geht auf das Konto der Erfrischungsgetränke. Coca-Cola, Fanta, Sprite und diverse Energy-Drinks erfreuen sich grosser Beliebtheit. Meist verleihen sie keine Flügel, sondern zusätzliche Kilos. Die Überzuckerung hat schwerwiegende Public-Health-Konsequenzen. Sie führt zu chronischen Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes.


Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) veranschlagt die Zahl der weltweiten Diabetes-Fälle auf 422 Millionen. 1.6 Millionen Menschen sterben jährlich an der Krankheit. Die meisten von ihnen in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen. In der Tat entfällt über die Hälfte der Diabetes-Erkrankungen auf wenige Länder wie Indien, Indonesien, China, Brasilien oder die USA. Wie groß das Risiko ist zu erkranken, hängt auch vom Wohlstand jedes einzelnen ab. In Ländern mit einem hohen Einkommen erkranken vor allem arme Menschen, in armen Ländern sind es vor allem reiche.


Schlecht steht es ebenfalls um Übergewicht und Fettleibigkeit. Seit 1975 hat sich die Zahl fettleibiger Menschen global verdreifacht. 2016 waren 650 Millionen Menschen übergewichtig, davon waren 340 Millionen Kinder. (WHO: Controlling the global obesity epidemic, 2020). Übermässig dick sind die Inselbewohnerinnen und Inselbewohner des pazifischen Ozeans (Nauru, Palau, Tonga, Tuvalu). Aber auch zahlreiche Menschen reicher Ölstaaten wie Kuwait, Katar oder Saudi-Arabien sind kaum mehr in der Lage, ihren Gürtel enger zu schnallen. Assoziiert mit chronischen Erkrankungen sind Übergewicht und Fettleibigkeit zu grösseren Killer geworden als Hunger und Mangelernährung. Dabei kommt es gerade in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen vor, dass beide Extreme nebeneinander existieren.


Life-Style-Systems

Bis heute betrachtet die Wissenschaft und die internationale Gesundheitszusammenarbeit die Ernährungsfragen und die Fragen der Gesundheit und des Wohlbefindens als unterschiedliche Sphären. Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) setzt sich global ein für einen verbesserten Zugang zu Nahrung, für mehr Biodiversität in der Landwirtschaft, für einen leichteren Marktzugang von Kleinbauern. Das alles ist mehr als erstrebenswert.


Doch analog zum Gesundheitssystem-Denken oder dem Ökosystem-Denken, bräuchte es hier einen «Life Style Ansatz», der Ernährung und Wohlbefinden miteinander verknüpft. Der Versuch einer politischen Regulierung ist bislang ebenfalls gescheitert. Eine Zucker-Steuer, wie sie Grossbritannien 2018 eingeführt hatte, greift zu kurz. Zwar senkte Coca-Cola in der Folge den Zuckergehalt seiner Getränke unter die magische 5-Gramm-Marke. Doch ersetzte der Getränkeherstelle den fehlenden Zucker kurzerhand durch Süssstoffe.


Nachhaltiges Essen als Lifestyle-Konzept

Cola Zero! Diet Coke! So lautete das Heilsversprechen der Getränkeindustrie. Aber auch dieser Lösungsvorschlag entspringt nicht einer fundierten Analyse des Life Style Systems. Denn die Leute, die sich im Restaurant mit verzweifeltem Blick auf ihren gespannten Gürtel dazu durchringen, eine Cola Zero zu bestellen, glauben, sich durch dieses Opfer einen zusätzlichen Big Mac und eine Sundae Ice Cream mehr als verdient zu haben.


Dem Life Style Ansatz, von dem ich hier rede, entsprechen gewisse Fast-Food-Ketten besser. Inspiriert von den frischen Strassenküchen in Asien oder den Salatbars helfen sie, gesundes und nachhaltiges Essen in Europa als Teil eines modernen und urbanen Lebensstils zu etablieren. In den Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen hat diese Bewegung bis jetzt noch weniger stark Fuss gefasst. Zu lange war der ungehemmte Konsum ein Privileg westlicher Industrieländer, als dass sich die wohlhabenderen Gesellschaftsschichten in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen nun zu Konsumverzicht überreden liessen.

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